Mittwoch, 9. September 2015

Komplexität gibt es nicht

Das System Welt ist groß. Wenn wir es als komplex bezeichnen betrachten wir nur zu viel davon gleichzeitig, wollen zu viel wissen, stellen zu viele Fragen.

Ein Uhrwerk wird jeder als eine komplexe Sache bezeichnen. Dennoch haben wir kein Problem damit eine Uhr zu verwenden. Manche muss man aufziehen, meistens reicht es die Zeit abzulesen. Die Komplexität des Uhrwerks ist kein Problem, dass die Welt komplizierter macht.

Es genügt Uhrmacher und Uhrenanwender als zwei getrennte Personen mit getrennten Qualifikationen zu betrachten, schon ist die Komplexität verschwunden.

Für den Uhrmacher ist die Komplexität nicht beängstigend, das ist für ihn Alltag, damit kennt er sich aus. Dieses Rädchen ist da um den Zeiger anzutreiben, jener für das Datum, das ist alles so wie es sein muss.

Wenn wir enge Schnittstellen zwischen den Komponenten definieren, wenn man von einer Komponente nicht viel wissen muss, sie aber trotzdem vollständig benutzen kann, lässt sich die Welt in viele kleine Komponenten zerlegen, deren Funktionsweise von jemandem, der sich tagtäglich mit dieser Komponente beschäftigt (Fachleute, Experten) gerade noch beherrscht wird.

Die Kunst besteht nur darin, die Welt in solche gerade noch verstehbaren Komponenten mit wenigen Schnittstellen zur Außenwelt zu zerlegen. Mit einer Black-Box wie einem Uhrwerk können wir fabelhaft umgehen, solange niemand so dumm ist und fragt, wie es funktioniert. Die Welt braucht mehr Black-Boxen und mehr Vertrauen dass die Boxen funktionieren. Wenn sie nicht funktioniert, kümmert sich der Hersteller der Box darum und nicht der Anwender!

Komplexität ist meist nur ein Angst-Wort für Außenstehende, für den Lernenden, der sich Neu in ein Thema einarbeiten muss, und meistens bezeichnet er damit nur eine Quantität, eine hohe Menge an Einzelteilen.  Es ist aber nicht die Menge die relevant ist, sondern die Struktur.

Häufigste Form. Knäuel, alles steht scheinbar mit jedem in Verbindung
Lineare Ketten können beliebig lang sein, die Quantität ist kein Problem
Mit einer Perlenkette kommen wir viel besser klar als mit einem Knäuel, mit einem Kabelbündel besser als mit einem Kabelsalat. Einen Sack Kleingeld auf dem Tisch auszuschütten erzeugt Chaos. Jeder löst das Problem in dem er nach Größe sortiert, Stapel bildet, und dann wahlweise zählt, wiegt oder die Höhe der Stapel misst. Die Gleichförmigkeit von Elementen wird genutzt. Was haben alle Münzen der Welt gemeinsam? Es sind stapelbare flache Scheiben.

kleine Komponenten in große Verpackt, macht Probleme überschaubarer und teilbarer


Neben dem Prinzip der Black-Box, das hierarchische Strukturen ermöglicht, ist das zweite wichtige Prinzip die Abstraktion. Gemeinsamkeiten zwischen Dingen finden, die auf den ersten Blick keine Gemeinsamkeiten haben, und diese ordentlich aufzureihen. In dem man die Gemeinsamkeiten aus dem System gedanklich entfernt, sie als gegeben akzeptiert, kann man sich auf die Unterschiede konzentrieren.
An dieser Idee ist nichts Neues. Die Welt funktioniert so. Ein Fliesenhändler konzentriert sich auf Fliesen in allen Formen und Größen.  Er hat große Hochregallager, Gabelstapler, und kommt damit zurecht. Ein kleiner Eisenwarenladen hat sehr viele winzig kleine Fächer für Schrauben und Nägel und kann das meiste mit der Hand bewegen. In einem Gardinengeschäft liegt Teppich, es gibt große Fenster und alles ist viel sauberer.

Warum sollte eine Straße,  in der sich ein Fliesenhändler, ein Eisenwarenladen und ein Gardinengeschäft befinden, weniger komplex sein als ein Baumarkt? Weil es keinen Chef gibt, der alles zu koordinieren versucht, obwohl es eigentlich kaum etwas zu koordinieren gibt. außer dem gemeinsamen Parkplatz, der gemeinsamen Werbung, und dem gemeinsamen Kassenbereich.

Der Chef ist zu „neugierig“, will zu viel wissen, und bildet sich ein, als einziger diese Komplexität zu bewältigen und rechtfertigt damit ein hohes Gehalt. Es hat aber nicht viel Nutzen sich mit allem auszukennen. Der stationäre Einzelhandel hat das bereits erkannt und die Komplexität von Warenhäusern, durch „Galerien“ und „Malls“ ersetzt. Es gibt keinen „zentralen Einkauf“ für Socken, Bücher und Bananen, sondern die ehemalige „Führung“ beschränkt sich auf die Gemeinsamen Funktionen, und hält sich aus den Details der jeweiligen Fachgeschäfte heraus.

Man muss loslassen können, damit zufrieden zu sein, nicht alles zu wissen, zu kontrollieren und zu steuern. Damit fällt natürlich ein Stück Anerkennungsmöglichkeit weg. Wir können nicht mehr stolz sein Komplexität zu beherrschen, wenn wir Komplexität vermeiden.

Besonders schwer tun wir uns mit Komplexität, wenn es um Dinge geht, die wir selbst gebaut haben. Einem Ingenieur, der gerade eben die Lichtmaschine eines Autos entwickelt hat, fällt es schwer die Lichtmaschine als funktionierend zu betrachten, als Black-Box, in die an einem Ende eine Drehbewegung eingespeist wird und am anderen Ende Elektrizität herauskommt. Diesem Ingenieur fällt es schwerer das Auto als Gesamtsystem zu begreifen, weitere Teile wie Motor und Kupplung einzubauen, als jemandem, der die Lichtmaschine bei einem Lieferanten bestellt. Wer mehr weiß nimmt mehr Details wahr und bezeichnet das System als komplex. Wer 20 Einzelteile fremdbezieht und zusammensetzt sieht weniger Komplexität. Dennoch kommen beide zum gleichen Ergebnis.

Wer über Komplexität klagt, sollte sich bewusst machen, dass die Welt trotz Komplexität funktioniert. Es kann sich bei Komplexität um kein schwerwiegendes unlösbares Problem handeln. Es ist wohl eher ein mentales Problem.




Freitag, 31. Oktober 2014

Beim Mauerfall in der NVA

Geschichten aus Sicht von Botschaftsflüchtigen, Bürgerrechtlern, Demonstranten und Grenz-Erstüberquerern am 9. November wurden schon viele geschrieben. Von der Lage der normalen Soldaten in der Armee der DDR wird relativ wenig erzählt.

Ich habe das ganze Jahr 1989 bei meinem Grundwehrdienst in der NVA verbracht.

Westfernsehen war zwar überall verboten, aber in den Kasernen wurde es auch durchgesetzt.
Von den Botschaftsbesetzungen und Montagsdemonstrationen erfuhr man nur von Soldaten die aus dem Urlaub kamen. Kontakt zur Stadtbevölkerung gab es kaum, Ausgänge waren rar, und wurden nicht für politische Diskussionen genutzt.

Urlaub hatte ich etwa 1 Wochenende je Monat, damit war ich schon privilegiert, im 3. Halbjahr seiner 18-monatigen Dienstzeit gehört man schon zu den Älteren und weil ich der einzige war, der mit 18 Schreibmaschine schreiben konnte, hatte ich einen ganz guten Job und einen kurzen Draht zum Feldwebel mit den Urlaubsscheinen.

Telefon gab es quasi nicht - ich kannte niemanden der zu Hause ein Telefon hatte.
Der Oma hat man Briefe geschrieben. Um mal kurz Bescheid zu sagen, wann man Urlaub bekam, konnte ich von einer Telefonzelle aus, meinen Vater auf der Arbeitsstelle anrufen.


Die Gerüchte von Flüchtenden über Ungarn und den Botschaftsflüchtlingen in Prag erreichten uns irgendwie. Genscher's "Rede" in Prag habe ich auf einem Urlaub Anfang Oktober gesehen. Die Tatsache das Menschen die DDR verlassen wollten, und es auch geschafft haben, war keine große Überraschung. Das passierte  ab und zu. Viel ungewöhnlicher waren die Montagsdemonstrationen in Plauen und Leipzig. Kundgebungen, die nicht von der SED organisiert wurden, waren neu. Die Vorsicht, nicht gegenüber jedem, und schon gar nicht in der Öffentlichkeit, laut zu sagen was man denkt, war also gewichen.

Am 17. Oktober rief jemand in mein Zimmer:
"Honecker ist weg - Krenz ist der Neue".
Ernsthafte Änderungen, die auch von der Parteispitze wahrgenommen wurden, waren also im Gange.

4. November, ein Samstag
4 Uhr, Alarmwecken, Befehl Ausgangsuniform, das bedeutet, Hemd, Hose, langer Mantel, Schirmmütze. Ab auf den LKW - Busse gab es bei der NVA generell nicht. Nur LKW mit Holzbänken und Planen. Es war dichter Nebel, kurz über dem Gefrierpunkt. Wir fuhren nach Berlin.
Im Zentralrat der FDJ wurden wir abgeladen. Das Gebäude nennt sich heute "Zollernhof". Von
dort wird täglich das ZDF-Morgenmagazin gesendet. Es liegt direkt "Unter den Linden", ca. 300m vom Brandenburger Tor entfernt.
Man hat uns erklärt, in Berlin würde eine Großdemonstration stattfinden. Im Falle, dass sich
die Menschen auf den Weg machen das Brandenburger Tor zu stürmen, sollten wir als "Menschlicher Schutzwall" unbewaffnet, die Mauer verteidigen.

Die Idee der Erstürmung des Brandenburger Tores gab es nicht nur im Osten, wie man in diesem Video sieht, lagen die Reporter auch im Westen auf der Lauer, ob sich auf der anderen Seite etwas tut.

Petra Pau war damals Mitglied des FDJ-Zentralrats und hat den Tag in einem Interview
für eine Doku zur FDJ (Phoenix: Freundschaft) so beschrieben, dass da Soldaten in der Kantine herumgelungert hätten, und auf Ihren Einsatz gewartet hätten. Wir haben nicht darauf gewartet - Wir haben gehofft das es nicht so weit kommen wird.
Wir waren nicht von den Grenztruppen, ganz normale Infanterie und ganz normaler Wehrdienst.
Man hat uns einen Fernseher gegeben, wir haben jede Minute der Demonstration mit Spannung verfolgt, aufmerksamer als je eine andere Sendung zuvor. Ich vermute es muss sich um eine Live-Übertragung im DDR-Fernsehen gehandelt haben, so offen, so verändert, war die Medienlandschaft bereits.

Der damals 25-jährige Jan Josef Liefers,  der sich damals noch vorstellte mit "Mein Name ist Liefers - ich bin Schauspieler", hier mit einem Kommentar von heute:
 


Die kürzesten und zutreffendsten Worte hatte sicherlich Steffie Spira gefunden,
die vielleicht auch deshalb besonders eindrucksvoll waren, weil sie von einer 81-jährigen kamen.
"Ich wünsche für meine Urenkel, dass sie aufwachsen ohne Fahnenappell, ohne Staatsbürgerkunde und dass keine Blauhemden mit Fackeln an den hohen Leuten vorübergehen!"

Stefan Heym, Gregor Gysi, Marianne Birthler, Christa Wolf, Lothar Bisky.
Alles Namen die mir damals noch nicht viel sagten.

aber auch Regierungsvertreter wie der Stasi-Spionagechef Markus Wolf, Manfred Gerlach oder Günter Schabowski haben sich der Diskussion gestellt.
http://www.youtube.com/user/HistoryChannelWolf55/videos

Diese Kundgebung dauerte ca. 4 Stunden.
Was hätten wir gemacht, wenn wir uns vor eine Menschenmenge hätten stellen müssen ? Den Dienst verweigern ? Den Befehl ausführen ? Nach dem "Mauerdurchbruch" einfach mit "rüber" ?

Anfang 1989 hatte ich einen Soldaten erlebt, der sich "daneben benommen" hat.
Zu spät aus dem Urlaub gekommen, gegenüber Vorgesetzten frech geworden, ich kann mich nicht mehr genau an das Vergehen erinnern, er landete jedenfalls im berüchtigten Armee-Gefängnis in Schwedt. Er ging als lauter Halbstarker, er kam nach 3 Monaten als verschwiegener Erwachsener zurück. Es war ihm wohl verboten über das erlebte zu berichten. Vor einer Menge an Gerüchten hat man zum Teil mehr Respekt, als vor dem genauen Wissen, was denn dort passierte.

Vergehen wurden ohne viel Verhandlung oder Rechtfertigung geahndet. Gehorsam und Disziplin waren selbstverständlich, der freie Wille sträubte sich etwas, aber dass man etwas nicht mit seinem Gewissen vereinbaren konnte, kam eher selten bis nie vor. Da ich nichts falsch machen wollte, habe ich einmal nach einem Exemplar der Dienstvorschriften gefragt. Die Antwort war "die seien geheim". Man sollte sich also an Vorschriften halten, die man nicht kennen durfte.

Die Größte Errungenschaft der Wende ist für mich heute die Rechtsstaatlichkeit, das Recht den Staat auf die Einhaltung von Gesetzen zu verklagen. Die Gewaltenteilung in Legislative, Judikative und Exekutive hat nicht existiert. Aber diese Begriffe oder Ideen haben ich zum damaligen Zeitpunkt noch nicht gekannt.

9. November
ich hatte längerfristig Urlaub beantragt und genehmigt bekommen. Die Vorgänge an der Mauer in Berlin haben sich nicht schnell genug auf den Dienstwegen verbreitet. Urlaubs- und  Ausgangssperren wurden erst am Morgen des 10. November verhängt.

Mein Weg führte mich durch Dresden, der Bahnhof hatte kaum noch eine intakte Glasscheibe. Das waren Folgen der Zugdurchfahrten der Botschaftsflüchtlinge aus Prag.

Man saß staunend vor dem Fernseher, vielleicht in etwa so wie man den 11. September 2001 verfolgt hat, man traf auch ein paar Nachbarn, die mit der Nachricht "wir kommen gerade vom Ku'damm" auf einen zukamen.

Als Armeeangehöriger ins "Ausland" zu fahren stand außer Frage. Wir hatten keinen Personalausweis, der wurde gegen den Wehrdienstausweis eingetauscht. Sofort los und "rüber" kam mir also nicht in den Sinn. Desertation oder Fahnenflucht wären schwerwiegende Dinge gewesen.

später im November
Ein Mitsoldat brachte eine frische Ananas aus dem Urlaub mit. So etwas kannte ich bis dahin nur aus Dosen. Wir haben diese Ananas sicherlich zu acht gegessen. Ich bin nicht sicher, ob wir schon wussten, dass wir neben der Schale auch den Kern entfernen mussten. Es war interessant, aber kein Genuss. Die Finger brannten, die Lippen brannten, wahrscheinlich war die Frucht noch etwas unreif, aber nunja, der erste Kaffee und das erste Bier haben schliesslich auch nicht sofort geschmeckt, vielleicht gewöhnt man sich auch an solche Genüsse.

Ende November.
Die Versorgungslage wurde schlechter. Nicht bedrohlich schlechter, aber spürbar. Es gab zu viele Menschen die nicht mehr zur Arbeit erschienen.  Es gab keine Wurst die für 4 Wochen eingeschweißt wurde und nur ganz wenig H-Milch, die 3 Monate  aufbewahrt werden konnte. Die DDR war sehr rückständig, alle ernährten sich von Frischfleisch und Frischmilch. Ein Laden der 2 Tage nicht beliefert wurde, hatte also nichts mehr anzubieten.

Ich wurde nach Magdeburg abkommandiert, und verbrachte die letzten zwei Monate meines Wehrdienstes damit, täglich morgens um 5 Uhr Milch in die vielen kleinen Verkaufsstellen des Umlandes zu fahren, das Leergut wieder einzusammeln und zur Molkerei zurückzubringen.
Damals hatte noch jedes Dörfchen ein Lädchen. Man war bis 12 beschäftigt.


Anfang Dezember konnte ich dann im nächsten Urlaub meinen Personalausweis vom Wehrkreiskommando abholen. Es gab zwar ein paar Unklarheiten, bis hin zur "Unerlaubten Entfernung von der Truppe", weil ich natürlich vom Kraftverkehr Magdeburg nicht die armeetypischen Urlaubsscheine bekam. Aber die Bürokraten waren deutlich entspannter. Mit der Auflage mich bei irgendeinem Vorgesetzen zu melden, erhielt ich meinen Personalausweis, gleich mitsamt eines Visums.

.
Es zog mich nie in den Westen, oder nicht mehr als aus touristischen Gründen. Ich fand das so spannend wie vielleicht Frankreich oder England. Es ist schön wenn man hinfahren darf, aber es ist  nächstes Jahr auch noch da - das läuft nicht weg. Ich hatte das Gefühl es gut zu kennen, weil man täglich im Fernsehen "dabei" war. Wegen des Begrüßungsgeldes habe ich mich dann aber doch mal im Dezember in einen Zug Richtung Westen gesetzt. Man konnte das Geld ja nicht "verfallen" lassen. Ich hatte des Gefühl, dass von mir erwartet wurde, dass ich das abhole. Es waren 100 DM die in einer Braunschweiger Postfiliale bekam.


Ich haben keinen Pfennig davon ausgegeben. Soweit ich mich erinnere, konnte man mit einem DDR-Personalausweis kostenlos mit dem Stadtverkehr fahren. Die Zugfahrkarte hatte ich noch im Osten gekauft.

Der erste Eindruck vom Westen ? Mehr Lichter, viele Glasfassaden, große Kaufhäuser. Durch irgendeinen dieser Paläste bin ich  gelaufen. Es sah alles tatsächlich so aus, wie man es aus dem Fernsehen kannte - keine große Überraschung. Vom Preisniveau hatte man natürlich keine Ahnung, das nicht alles überall gleich viel kostete war mir klar. Die erste Lektion die man lernte war "Kaufe nicht das Erstbeste - Vergleiche erst Preise". Also kaufte ich gar nichts.

Der Grundwehrdienst war zwar auf 18-Monate angelegt, auf Grund der Umstände, oder auch schon als Anpassung an den Westen, wurde ich bereits nach 15-Monaten, Ende Januar, entlassen. Für meinen Abschied musste ich noch einmal in die Kaserne. Dort hatten sich sehr schnell einige Änderungen ergeben. Aus dem Genossen Major, wurde der Herr Major. Viele, die sich für 5 oder mehr Jahre zum Dienst verpflichtet hatten, waren verschwunden, oder zumindest organisierten Sie Ihre Kündigung. Das Land war spürbar im Aufbrauch.

Was wurde aus dem Begrüßungsgeld ?
Ab Januar, im neuen Kalenderjahr, gab es dann nocheinmal 100 DM, zusammen mit ein paar angesparte "Devisenreserven" und Spenden von Oma und Vater, wurde daraus im Februar mein erster PC. Es war ein Commodore von Hertie. Nicht der unter Gleichaltrigen im Westen wahrscheinlich verbreitetere C64 sondern ein richtiger IBM kompatibler PC.

Einen Studienplatz hatte ich schon und ich hatte keine Ambitionen daran irgendwas zu ändern.Die "roten Wochen" der ideologischen Vorbereitung gab es nicht mehr und an den naturwissenschaftlichen Qualifikationen der DDR-Universitäten hatte ich nicht den geringsten Zweifel.

Am 1.7.1990 kam die D-Mark, das gesamte Vermögen war auf Konten einzuzahlen, 4000 Mark wurden 1:1 getauscht, der Rest 2:1.
Am 1.9. habe ich begonnen zu studieren und
am 3.10. gab es ein Feuerwerk zur Wiedervereinigung.

Es gab es noch eine Art Identitätsstiftung. Ich wurde zum Brandenburger gemacht. Die Länderstruktur, die angeblich auch bis 1952 existierte, war mir vollkommen fremd. Brandenburg war für mich etwas, dass ich in die Zeit des alten Fritz eingeordnet hätte, auf jeder älteren Karte die ich kannte, stand in der Gegend wo ich wohnte immer nur "Preussen". Von Sachsen und Thüringen als Regionen hatte ich schon gehört, so wie man vom Schwarzwald und vom Harz gehört hat. Aber nun erhielten einige Regionen plötzlich den Rang eines Bundeslandes und man sang eine Landeshymne, die es angeblich schon immer gegeben hat, die ich aber in der DDR noch nie gehört hatte.

Zusätzlich wurde noch verboten, an diversen Tagen wie Himmelfahrt, Reformationstag und Buß- und Bettag zu arbeiten. Keiner hat sich die Mühe gemacht zu erklären, wozu das gut ist. Aber wer stellt bei Zusatzurlaub schon viele Fragen. Man kann sich an Alles gewöhnen.

Montag, 15. September 2014

Fernsehen ist wie Bananen in der DDR
Familienleben mit Video-Streaming

Vorfreude – Schönste Freude
In der DDR gab es nicht immer alles, man hat sich gefreut wenn man etwas bekommen hat. Heute gibt es immer alles. Ein Grund zur Freude ist weggefallen. Gepflegte Langeweile. Eventuell freut man sich mal, wenn man von einem guten Preis überrascht wird.

Mit dem heutigen Fernsehprogramm verhält es sich ähnlich, es gibt nicht immer alles, aber man freut sich, wenn man mal etwas Schönes bekommt. Man empfindet es nicht als Mangel, solange man nichts Besseres kennt, man arrangiert sich mit der Situation. Doch jetzt ist etwas Besseres hinzugekommen: Video-Streaming Dienste. Werden die etwas Ähnliches auslösen, wie das Dauerangebot an Bananen?

Man freut sich nicht mehr, dass etwas kommt, was man gerne sehen würde, dann das Angebot ist jeden Tag das Gleiche, zwar riesengroß – aber immer das Gleiche.

Sich selbst etwas aussuchen zu müssen ist keine Freude, es ist eine Quälerei. Beim Einkaufen in der DDR musste man nicht lange überlegen „was essen wir denn heute“ oder „wo gibt es denn die Ware zum besten Preis“. Man ging in den Laden und kaufte was es gerade gab. Ein kleines überschaubares Angebot, so wie heute mit unseren ca. 25 Vollprogramm-Fernsehsendern. Andere treffen eine überschaubare Auswahl.


Der „Jetzt oder Nie“ –Effekt.
Bei einem einmaligen Konzert muss man sich entscheiden, gehe ich, oder gehe nicht – kaufe ich ein Ticket oder lasse ich es sein.

Mit einem Angebot „Täglich Di-So- Juli-Dezember“ denkt man sich ständig „kannst Du ja nächste Woche noch gehen“ und ich erwische mich oft dabei solche Angebote dann „ zu verpassen“, weil mich niemand zu einer Entscheidung zwingt., Aus ja/nein wird ein  ja/nein/später.

Die ständige Verfügbarkeit von Filmangeboten ermöglicht die ständige Vertagbarkeit. Wenn ich es mir heute nicht anschaue, muss ich nicht 1 Jahr auf die nächste Ausstrahlung warten, ich könnte es mir auch morgen anschauen, oder übermorgen, … oder Weihnachten, oder Ostern, oder nie.

Der Abonnements-Effekt
Mir ständig 1:10.000 Filmen aussuchen zu können, lässt mich vielleicht anders auswählen, als sich an einem Abend für nur 1 aus 3 Filmen entscheiden zu können. Zufallsentdeckungen werden seltener.

Geht man gezielt zu einem Sinfoniekonzert weil einem Brahms 3. Sinfonie gefällt, verhält man sich anders, als wenn man ein Konzert-Abo kauft und einfach alles konsumiert was angeboten wird. Manchmal entdeckt man etwas Neues, weil es Experten gibt, die für einen etwas auswählen. 

Vielleicht animiert die ständige Verfügbarkeit aller Filme, dass wir uns Angebote die wir als „zweite Wahl“ einstufen, gar nicht mehr anschauen. Wenn man immer bekommt, was man will, gibt es keinen Grund mehr sich überraschen zu lassen. Neuentdeckungen wird nur noch der haben, der etwas entdecken will und bewußt ein "Risiko" eingeht. Das Risiko das einem ein Film nicht gefallen könnte.

Das Gemeinschaftserlebnis
Bei Streaming Diensten schaut jeder was er will und wo er will – Handy, Fernseher, Tablet. Gibt es noch einen Grund, dass sich die Familie abends gemeinsam vor dem Fernseher versammelt? Mit Kopfhörern könnte man sich eventuell sogar im selben Zimmer gleichzeitig verschiedene Dinge anschauen. Man wird nicht mehr verstehen, warum der andere gerade lacht, einen Kommentar oder Bemerkung die einem gerade auf den Lippen liegt, muss man sich verkneifen, denn dem anderen fehlt der Kontext und verstünde gar nicht worüber man redet.

Fernsehen verliert die soziale Rolle etwas gemeinsam zu tun. Kulturell ist das kein Verlust – mit Büchern ist das nicht anders. Aber Paare machen weniger viel gemeinsam.

Das Gespräch am Arbeitsplatz über das Programm vom Vorabend – der Blockbuster – wurde schon durch die hohe Sendervielfalt zu Grabe getragen.


Vielleicht schafft Pay Per View noch die gemeinsame Versammlung auf dem Sofa. Wenn das Anschauen eines Filmes 5 € kostet, heißt es vielleicht eher „guckst Du mit?“, oder „wir kaufen das nur, wenn es mehr als einen interessiert“. Bei einer Video-Flat-Rate hat der eine heute Lust auf einen Film und der andere gar nicht oder 10 Tage später.


Ich habe inzwischen schon 2 Flatrates für Streaming-Dienste weitere 2 Anbieter für Pay-Per-View Angebote und konsumiere ca. 50% meiner Spielfilme aus diesen Angeboten. Neben der Tatsache das einen die groß angekündigte "Free-TV-Premiere" nicht mehr interessiert, weil man alles schon gesehen hat, beobachte ich auch einige Änderungen im Familienleben und dem Fernsehverhalten der Einzelnen Personen.

Mittwoch, 30. Juli 2014

AirBnB, die angebliche Neuerfindung der Zimmervermittlung

Die "Sharing Economy" wird als der letzte Schrei aus der Welt der Hipster und Youngster dargestellt und AirBnB, als Ihr erfolgreicher Vertreter aus dem Bereich der Zimmervermittlung.

Eine Studie des Branchenverbands BITKOM beschäftigt sich ausführlich mit den Erfolgsaussichten und kommt dabei nur zu positiven Ergebnissen. Nach Argumenten, warum die Idee scheitern könnte, hat man nicht sehr lange gesucht. Ich möchte hier mal ein paar Hilfestellungen geben.

Vermittlungsplattformen gibt es einige, die Erfolgreichen seit Mitte der 90er Jahre, seit den Anfängen des Internet. Die Etablierten arbeiten so, wie eine Zeitung. Man kauft eine Anzeige für einen Festbetrag je Jahr, so etwa für 200-300 Euro, und das war's. 

Mit dem Boom von Web 2.0 und Facebook ab 2004, schwappte ein anderes Modell aus Amerika herüber und AirBnB war der Vorreiter. Ein provisionsbasiertes Modell, Man zahlt nichts für die Anzeige, man gibt nur Prozente des Mietpreises ab, falls jemand wirklich bucht. Deutsche Nachahmer folgten schnell: 9Flats und wimdu.


Doch AirBnB ist speziell, es vermarktet explizit nicht (nur) Ferienwohnungen, sondern auch Zimmer innerhalb einer Wohnung, sogar nur Schlafplätze oder gar Luftmatratzen. Daher kommt der Name ("Airbed and Breakfast=Luftmatratze mit Frühstück").

Dieses Modell wird unablässig propagiert, es wird behauptet es gäbe auf diesem Sektor Nachfrage und Angebot, aber ich möchte beide Seiten anzweifeln.

Venture Capital Firmen.

Das Vorgehen solcher "moderner Startups" ist folgende:

1. Finde einen Kapitalgeber, den Du von einer Idee überzeugst.
2. Finde Vermieter, die mitmachen
3. Finde Mieter die mitmachen.

AirBnB ist am Beginn von Phase 3.
Kapitalgeber, die in blumige Versprechungen investieren, sind leicht zu finden.
Vermieter findet man einfach so: Rufe alle Vermieter von Ferienwohnungen in allen Katalogen, die man in Deutschland auftreiben kann, an, und überzeuge sie, auch bei AirBnB "kostenlos" zu inserieren.

Das sah dann so aus.



Bitte einmal laut "hier" schreien, wer bei fremden Leuten auf der Luftmatratze übernachten möchte !

Ein anderer Jubel-Artikel von Daniel Rehn, bereits von 2012.

Dort wird etwas von "unglaublichem" Aufstieg berichtet. Tatsächlich ist der Aufstieg sehr geplant.
Wenn man bei Null beginnt, und einfach alle vorhandenen Verzeichnisse kopiert, hat man einen riesigen Zuwachs. Es ist eine reine Fleißarbeit, bzw. Kapitaleinsatz, ein Call-Center zu beschäftigen, daß jeden bekannten Vermieter um Erlaubnis der Aufnahme in das eigene Verzeichnis zu bittet.

Anders als bei anderen Produkten, muss man Vermieter nicht "abwerben". Der Vermieter muss sich nicht entscheiden "werbe ich hier oder dort". Wenn es nichts kostet, kann man an so vielen Stellen werben, wie man will, es gibt kein Werbebudget zu verteilen.

Anfangs wurde sogar ein "kostenloser Fotograf" geschickt.  Man hatte  Geld wie Heu, so ein Fotografentermin kostet mindestens 50 Euro je Vermieter. Kosten die AirBnB übernommen hat. Die Bilder bleiben jedoch Eigentum von AirBnB, der Vermieter kann damit nicht auf anderen Plattformen werben.

Wenn man schon jemanden in jede einzelne Wohnung schickt, ein Aufwand den kein anderer Vermittler bisher je betrieben hat, wäre es sinnvoll gewesen, die Wohnung nach gewissen Qualitätsmaßstäben zu bewerten. Diese Chance hat man sich leider entgehen lassen. Der Fotograf macht nur Fotos die die Wohnung glitzern lassen und den bestmöglichen Eindruck machen. Das ist natürlich im Sinne des Vermieters und des Vermittlers, aber nicht im Sinne des Mieters. Den würden vielleicht auch Fotos von Spinnweben und bröckelndem Putz interessieren, von Gerüchen, der Aussicht und dem Straßenlärm. Diesbezüglich verhält sich AirBnB aber wie jeder andere Vermieter - jede Unterkunft wird aufgenommen, ein Siegel "AirBnB"-geprüft gibt es nicht. Masse statt Klasse. Das Sternesystem des DTV wird auch nicht unterstützt, nach einer 3-Sterne-Wohnung kann man nicht suchen.


Statistiken und Nutzerzahlen

In dem Beitrag wird etwas von 5 Millionen Übernachtungen berichtet. Diese Werte sind ein gutes Beispiel für das Aufblähen von Statistik.

Wenn 500.000 Paare eine Unterkunft für je 5 Tage suchen,  dann sind das 500.000 * 2 Personen * 5 Nächte = 5 Millionen Übernachtungen. Von den 500.000 Buchungen sind Mehrfachbucher dabei. Wahrscheinlich gab es 300.000 aktive Nutzer. Aber 5 Millionen Übernachtungen klingen natürlich besser.

Mit großen Zahlen will man Eindruck schinden, bei Investoren, bei Vermietern und bei Mietern.

Die weltweiten Angaben von AirBnB werden gerne mit den deutschen Konkurrenten wie 9Flats oder wimdu verglichen.  AirBnb unterläßt es tunlichst, Zahlen für Deutschland zu veröffentlichen. Es ist durchaus möglich, dass sie auf dem deutschen Markt keine Rolle spielen, vielleicht sogar hinter der Konkurrenz zurückzustehen.
Hat jemand schon einmal Fernsehwerbung von AirBnB gesehen ?

Häufig wird ein hoher Bekanntheitsgrad mit einer hohen Akzeptanz gleichgesetzt. Ich habe 2 AirBnB Gäste pro Jahr und davon 100% aus dem Ausland. Die einzige Nachfrage die  befriedigt wird, ist also der Zugriff aus Moskau und Istanbul auf Ferienwohnungen in Deutschland, aus diesen Orten kamen meine beiden Gäste.

Die PR-Maschinerie von AirBnB läuft wunderbar:
"Unterkünfte in 19.000 Städte verteilt auf 192 Länder" ?
Hört sich viel an ? Klingt als wäre die ganze Welt abgedeckt ?
Alleine Deutschland hat 2000 Städte. Ob die da alle dabei sind ? Eine einzige Unterkunft in Chile, Burkina Faso oder Tuvalu reicht aus, dass man sagen kann "man ist in dem Land aktiv".

AirBnB ist in den USA wahrscheinlich wirklich erfolgreich und eine Entdeckung. Dort gab es bislang kaum ein etabliertes Bed&Breakfast System, weil man an jedem Highway-Exit für 35$ ein Motelzimmer bekommen kann. Es gab keinen unbefriedigten Bedarf in dieser Preislage.

Der Trick mit den Umfragen

In der BitCom-Studie wird behauptet, 25% der Bevölkerung könnten sich vorstellen, auf diese Art zu übernachten. In einer Umfragesituation würde ich dieser Zahl voll und ganz zustimmen. Jemand der spontan auf so eine Frage antworten müßte, sagt sehr leicht "ja". Vielleicht gehöre ich auch dazu. Aber wenn man dann konkret ein Zimmer sucht und die Angebote dazu betrachtet, läßt man es vielleicht doch eher sein.

Spätestens wenn man das erste Mal seinen Vermieter als einem verschwitzten 150-Kilo Mann der im Unterhemd rauchend am Küchentisch sitzt und ein Zimmer vermietet, das von seinem Wohnzimmer abgeht, konfrontiert sieht, wird man seine Meinung darüber ändern. Während einer Umfrage ist man sich noch nicht über alle Konsequenzen im Klaren.

Umfrage-Profis versuchen solche Effekte mit Hilfe von Psychologen und Statistikern zu reduzieren. Die Fragen sehr detailliert, sehr indirekt, und auch nicht nur was man will, auch was man nicht will,  um zu einer belastbaren Aussage zu kommen. Aber wenn man will, dass ein bestimmtes Ergebnis bei einer Umfrage herauskommt  - vgl. Phase 1: Finde Kapitalgeber - dann könnte man schon mal  vergessen sich von Psychologen oder professionellen Meinungsforschern helfen zu lassen.

Zitat aus der Bitkom-Studie:
"Unter den 14- bis 29-Jährigen können sich sogar 42 Prozent vorstellen, auf diese Weise ein Zimmer oder eine Wohnung zu mieten"
Wer sonst ? 14-jährige sind es gewohnt keine Privasphäre zu haben, die sind es gewohnt sich das Bad mit dem Bruder zu teilen und sind darauf gefasst, dass Mutti jederzeit ins Zimmer kommen könnte. Das hält man in diesem Alter noch für normal. In so einer Umfragesituation denkt man nicht daran, dass das bedeutet, den Gästen den Müll nachzuräumen, Ihnen das Bad zu putzen oder Wäsche zu waschen. In dem Alter kennt man noch den Geldspeicher von Onkel Dagobert und kümmert sich nicht so sehr darum, woher das Geld kommt.

Vergleichbar zu sein, kann Mieter abschrecken

Vor 20 Jahren habe ich schon Bed in Breakfast in England genutzt. Man fuhr herum, hat ein Schild gesehen, geklopft und übernachtet. Wenn man seinen Urlaub im Voraus bucht, dann vergleicht man Angebote, man wird wählerischer. Das hilft eventuell, daß schlechte Angebote vom Markt verschwinden, aber es bedeutet auch, dass alle in Konkurrenz zueinander stehen, vergleichbar sind, bewertet werden, und das Geld verdienen vielleicht doch nicht ganz so einfach ist, wie es ist, eine Anzeige bei AirBnB einzustellen.

Der Zahlungsvorgang

Der Vermieter bekommt nicht einfach 50 Euro vom Gast in die Hand gedrückt, AirBnB bekommt eine Anzahlung, erhebt vom Gast noch eine Zusatzgebühr und treibt die endgültige Zahlung vor der Anreise ein. Der Vermieter bekommt eine Buchungsnummer und muss dann seine Kontoauszüge überprüfen, ob seine Miete unter dieser Buchungsnummer, abzüglich der 12% Provision, auf seinem Konto angekommen ist. AirBnB nennt das "Bequeme Zahlung". Ist irgendetwas bequemer als Barzahlung ?

Als Vermieter auf eine Anzahlung zu verzichten, oder eine Anzahlung anzubieten ist bei AirBnB nicht möglich.
Der gesamte Betrag wird sofort bei Buchung fällig und verbleibt bis zum Tag nach der Anreise bei AirBnB.
Wenn Sie bei HRS ein Hotelzimmer suchen und zwischen Hotels mit Sofortzahlung und Zahlung bei Anreise wählen können, welches würden Sie buchen ? Bei Ferienwohnungen sind auf jeder anderen Plattform auch Anzahlungen in Höhe von 20% des Reisepreises üblich. So etwas sieht AirBnB nicht vor.

Kostenfreie Stornierung ist ebenfalls unmöglich. AirBnB behält in jedem Fall seine Servicegebühr ein.
Das sind aus Sicht des Gastes deutliche Nachteile gegenüber den Zahlungsbedingungen von Hotels und Ferienwohnungen bei anderen Vermittlern. Wie will man auf diese Art Mieter finden ?

Von der AirBnB-WebSite: "Bei Buchungen, die zwischen dem 1. Mai 2014 und dem 31. Dezember 2014 getätigt werden, wird Airbnb die Mehrwertsteuer auf Grundlage des irischen Mehrwertsteuersatzes von 23% berechnen, unabhängig von Deinem Land des Wohnsitzes." 
Kann sich jemand den buchhalterischen Aufwand vorstellen, wie ein Vermieter bei einer deutschen Umsatzsteuererklärung angibt, Umsatzsteuer via Irland abgeführt zu haben ?
In Deutschland beträgt die Umsatzsteuer für Kurzzeitvermietung 7% und Kleinunternehmen, die weniger als 17.500 Euro Umsatz pro Jahr machen, können sich komplett befreien lassen. AirBnB schafft wieder nur Nachteile für Mieter und Vermieter.

Die Kontaktsperre

AirBnb muss unterbinden, dass Gast und Vermieter miteinander Kontakt aufnehmen,  damit die Buchung nicht an Ihnen vorbei passiert. Denn natürlich vermietet jeder Vermieter günstiger, wenn er nicht 12% Provision zahlen muss.

Es gibt ein Nachrichtensystem zwischen Mieter und Vermieter, eine Art webbasierter Mail, bei der peinlich genau darauf geachtet wird, dass keine Telefonnummern und keine e-mail Adressen ausgetauscht werden. AirBnB nennt das Datenschutz, wenn sie alle e-mails lesen und diese Informationen herausfiltern.

Hart formuliert: Dem Gast wird ein Telefonat mit dem Vermieter verweigert, bevor er nicht fest gebucht und eine Anzahlung geleistet hat. Warum sollten Gäste diese Kontaktsperre attraktiv finden, wenn auf anderen Plattformen einfach Telefonnummern für schnell zu erledigende Rückfragen angegeben sind ?

Mit AirBnB können sich dadurch keine Stammgästebeziehungen entwickeln. Wer ein zweites Mal beim gleichen Vermieter übernachten will, kann direkt beim Vermieter anrufen und Gebühren und Provisionen von AirBnB einsparen. In diesem Fall hat AirBnB hat keine Vorteile durch zufriedene Gäste.

Wer sind die Mieter ?

Ferienwohnungen boomen, aber nicht Gästezimmer innerhalb einer anderen Wohnung. Das nutzen Back-Packer im Alter von 20-25. Ich schränke weiter ein: Nur Single-Back-Packer. Das dürften die 5% der Bevölkerung sein, die aktuell als Nutzer angegeben werden. Es gibt eine ganz besondere Eigenschaft dieser Zielgruppe: man muss sie nicht jung erobern und die werden dann mit ihren Konsumgewohnheiten alt.  Sie wachsen heraus, und als Paar oder spätestens mit Kind reisen die nicht mehr von Sofa zu Sofa. Wer das mit 20 macht,  wird es mit 30 nicht mehr unbedingt tun.

Für diese Gruppe  ist das kostenlose Couch-Surfing attraktiver. AirBnB redet immer davon das "jeder" ein Zimmer vermieten könnte. Aber niemand tut es. 95% aller Anzeigen beziehen sich auf komplette Wohnungen (Ich hab 20 angeklickt und es waren 20 Wohnungen, ich schreib nur 95% weil ich 100% daraus nicht ableiten will).

Als Urlauber möchte man es mindestens "genauso schön wie zu Hause", eher einen Tick besser haben. Dazu gehört genügend Privatsphäre.

Wer sind die Vermieter ?

Alle die bisher schon separate Ferienwohnungen vermieten, erleiden bei AirBnB keinen Schaden.
Die Story "Vermiete deine ungenutzten Zimmer an Fremde" ist  frei erfunden. Das machen Vermieter, die die Einnahmen dringend nötig haben, aber wer will schon bei "armen Leuten" wohnen ? Ein unüberbrückbarer Widerspruch. Studenten fallen in diese Gruppe, aber die Lösen das meist als WG, die vermieten nicht für 2 Tage sondern für 1 Jahr. Lange Zeiträume machen weniger Arbeit und bringen stabilere Einnahmen.

Wer würde einen fremden Menschen einfach so alleine in seiner Wohnung lassen ? Manchmal kommen Verwandte zu Besuch, die bei einem übernachten. Mit denen ist man meistens zu Hause und geht auch gemeinsam aus dem Haus. Selten läßt man sie in der Wohnung alleine. Selbst Handwerkern überlässt man nur ungern die Schlüssel wenn man tagsüber arbeiten ist.

Ich könnte mich wohl dazu durchringen mal meine Bohrmaschine zu verleihen, vielleicht auch mal mein Auto, aber dann würde ich persönliche Dinge aus dem Auto herausnehmen. Bei einer Wohnung geht das nicht.

Was ist wenn in der Wohnung etwas fehlt ? Habe ich es verbummelt, oder wurde es geklaut ? Wo lasse ich als Vermieter mein Bargeld, den Fahrzeugbrief, meine Kreditkartendaten ? Muss ich mir einen Safe einrichten ? Während die Vermieter ein Profil von sich haben und sich vorstellen, weiß der Vermieter vom Mieter nichts - es ist ein reines Glücksspiel wer da vor der Tür steht.

Hat der Vermieter eine Katze und der Mieter ein Katzenallergie ? AirBnB löst derartige Probleme nicht. Solange es sich um eine separate Wohnung handelt, tritt das Problem nicht auf.

Die "Für Geld mach ich alles" Mentalität muss schon sehr ausgeprägt sein, um sein Sofa unterzuvermieten. Wahrscheinlich geht es 10mal gut, dann macht man eine schlechte Erfahrung mit betrunkenen, grölenden Mietern, die nachts um 3 nach Hause kommen und läßt es auf immer sein.

Spätestens wer 10mal sein zu vermietendes Zimmer geputzt hat, Wäsche Gewaschen, Betten bezogen, und einen halben Tag zu Hause gesessen haben, weil nicht so ganz klar war, wann der Gast denn nun kommt, könnte unter Umständen die Lust auf weitere Vermietungen verlieren.

Das Provisionsmodell spricht vor allem die Angsthasen unter den Vermietern an, diejenigen,  die sich ihren eigenen Erfolg nicht zutrauen. Wer glaubt seine Wohnung für 20 Wochen im Jahr á 250 Euro vermieten zu können, macht damit 5000 Euro Umsatz. Bei AirBnB kostet das 12% Provision, also 600 Euro.
Bei Fewo-Direkt.de bekommt man eine ganzjährige Anzeige für 300 Euro und bekommt sehr viel mehr Buchungsanfragen. Man könnte dort auch "Gold-Anzeigen" für 600 Euro buchen, bei denen das Inserat weiter oben platziert wird, und dadurch statt 20 vielleicht 24 Wochen vermieten. Das Provisionsmodell ist nur dann attraktiv, wenn man glaubt nicht mehr als 1000-2000 Euro pro Jahr zu verdienen. Für diese geringen Umsätze erscheint eine Anzeige zum Festpreis von 300 Euro teuer.

Über den Mietpreis wird seitens AirBnB  nie gesprochen. Wenn eine Plattform 12% Provision bekommt, liegt es nahe, die Zimmerpreise um 12% zu erhöhen. Das heißt das gleiche Zimmer ist bei AirBnB wahrscheinlich teurer, als auf anderen Plattformen. Wieder ein Grund, warum Gäste AirBnB nicht benutzen.


Wo wird vermietet ?

In San Francisco, Tokio, Sydney oder London sind Wohnungen und Hotels sehr teuer. Dort gibt es eine große Gruppe von Einwohnern, die Ihre Wohnungen kaum noch bezahlen können und gleichzeitig eine große Gruppe von Touristen, denen die Hotels zu teuer sind. Dort treffen Angebot und Nachfrage zusammen und die Vermietung funktioniert gut. In Deutschland gibt es kaum eine Region, in der man nicht in 20km Umkreis ein Hotelzimmer für höchstens 80 Euro/Nacht mieten kann.

Wer ein Zimmer übrig hat, kann leicht 2000 Euro pro Jahr sparen, in dem er in eine Wohnung zieht die 20m² kleiner ist. Nur wenn diese kleinere Wohnung nicht verfügbar ist, wie in San Francisco oder London, dann kommt man auf die Idee unterzuvermieten. In Deutschland ist das ist in kaum einer Stadt der Fall.

Vor allem Senioren haben das Problem, nach dem Auszug der Kinder in einer zu großen Wohnung zu wohnen und gleichzeitig das Wohnumfeld nicht wechseln zu wollen.nicht wechseln zu wollen. Doch die Vermieter in den AirBnB Werbevideos sind keine rüstigen Rentner sondern immer hippe Yuppies.

Das sieht in dieser schlecht synchronisierten deutschen Fassung so aus:


Junge Leute machen hauptsächlich Städtereisen. Geworben wird mit Berlin, Paris und Barcelona. Vermieter in  der Eifel, in Berchtesgaden oder sonstigen Landidyllen brauchen sich nicht viel Hoffnung auf neue Gäste zu machen.


Die Vermittler-Branche


Die private Zimmervermittlung hat Chancen, aber das Angebot wird nicht steigen - woher sollen neue Wohnungen kommen ? In einigen Städten ist die Umwandlung von konventionellen Mietwohnungen in Ferienwohnungen schon verboten oder ein Verbot im Gespräch. Die Auslastung könnte eventuell etwas steigen, wenn bekannt wird,  das diese Angebote einem Hotel in fast nichts nachstehen. Rezeption und Zimmerservice fehlen, und das sind die beiden Dinge, die man bei einem durchschnittlichen Hotelaufenthalt für ca. 5min in Anspruch nimmt.

Die verschiedenen Vermittler von Ferienwohnungen werden weiter fortsetzen, sich gegenseitig Adressen zu kopieren und mit viel Aufwand sowohl um Vermieter, als auch um Mieter zu werben.

Wachstum bei einem Vermittler entsteht ausschließlich auf Kosten eines anderen Vermittlers. Aus dem Wachstum eines einzelnen Anbieters kann man nicht auf das Wachstum einer Branche schließen. Man kämpft heute schon nur noch um die Aufteilung des Marktes tut aber so, als würde man erst einen neuen Markt erschließen.

Wimdu versucht gerade in einer großen Kampagne den Gästen zu erklären, das Ferienwohnungen 50% billiger sind als Hotels. Das ist nichts Neues, das ist seit 50 Jahren so und die Randbedingungen, wie "Mindestaufenthalt" oder gar "bitte eigene Bettwäsche mitbringen" werden verschwiegen.

Ich würde keinem raten eine neue Zimmervermittlung zu gründen, wenn er nicht eine genial gute, genial neue Idee mitbringt. Verzeichnisdienste leben von Vollständigkeit.  Einen neuen Zimmervermittlungsdienst zu gründen, ist so als wollte man ein neues Telefonbuch gründen und müßte dafür jeden einzelnen Teilnehmer, der dort eingetragen werden soll, anwerben. Anders als beim Telefonbuch, sind Leser und Inserenten aber nicht die gleiche Person, der Werbungsaufwand entsteht doppelt.

Die Plattformen, die den Hotels Konkurrenz machen, heißen, fewo-direkt.de, ferienwohnungen.de, traumferienwohnungen.de. Damit sind die Leute zufrieden, das wird genutzt.  Die haben ein anderes Vertriebsmodell als AirBnB. Die Gäste vermissen nichts, was sie von fewo-direkt zu AirBnB wechseln lassen würde. AirBnB kommt einfach 15 Jahre zu spät.

Geschäftskunden

Laut einem Artikel im Manager-Magazin will AirBnB jetzt auch an die Geschäftskunden ran und "Abrechnungen über die eigene Firma" anbieten.  Aber wollen das die Vermieter ? Ferienwohnungen sind für Paare gemacht. Für Alleinreisende gibt es kaum besondere Angebote. Die Zimmer kann man nicht verkleinern, Beleuchtung, Fernsehgebühren und Raumpflege kosten für eine Person, das Gleiche wie für ein Paar. Der Einzelzimmervorteil den man von Hotels kennt, entfällt schon einmal. Woher das Geld kommt, könnte dem Vermieter egal sein, aber je mehr "Services" AirBnB dem Gast anbietet, desto mehr Kosten stellt AirBnB wahrscheinlich auch dem Vermieter in Rechnung.

Warum sind Ferienwohnungen preiswerter ? Weil nicht jeden Tag geputzt wird und nicht ständig einer an der Rezeption steht. Was wäre, wenn ein Gast nur einen Tag bleibt ? Der Vermieter muss täglich putzen und 2 mal am am Tag Rezeptionsarbeit leisten. Ihm entstehen die gleichen Kosten, wie einem Hotel. Deswegen haben die meisten Vermieter einen Mindestaufenthalt von 2, 3, oder gar 4 Tagen. In touristischen Regionen in der Saison auch gerne mal nur wochenweise, um die Kosten Buchungsaufwand, Rezeption und Reinigung auf mehrere Tage zu verteilen. Für die typischen "Traveling Salesman" sind Ferienwohnungen ungeeignet und für einen Mo-Fr Aufenthalt haben viele Berater, Monteure oder Besucher von Seminaren und Konferenzen Ferienwohnungen schon lange entdeckt. Es sind nur die Vermittlungsportale, die diese Kundschaft bisher nicht wahrnehmen. Es stört die Geschäftsreisenden aber nicht, auf Portalen für Urlauber und Touristen eine Unterkunft zu buchen.

Sharing Economy

Das Potential der Zimmervermittlung ist da, aber das Modell der "Sharing-Economy" von von AirBnB ist für keine Seite attraktiv. Hier noch ein Orignaldokument von AirBNB.:  AirBnB Studie 2012

Sich Dinge zu leihen, statt sie zu kaufen, ist eine gute Idee.
Nur warum muss es bei dieser Idee eine Privatperson geben, die sich erstmal etwas privat kauft ?

Wäre es nicht besser, sich etwas von Profis zu leihen, die ein Gerät prüfen, bevor sie es verleihen,  reinigen und warten, wenn sie es zurückbekommen, die keine emotionale Bindung zu Ihren Gütern haben, sondern eine rein wirtschaftliche? Verleiher, die eine gewisse Routine haben, die gegen Schäden versichert sind, die auf Verschleiss eingestellt sind.

Kein privater Verleiher einer Bohrmaschine stellt sich darauf ein, dass die Bohrmaschine jemals kaputt geht. Das wird zu 100% in einer Katastrophe und mit viel Streit enden. Der Profi behält die Kaution ein und die Sache ist für ihn erledigt.

Ich kann nur davon abraten sich von seinen Freunden etwas zu leihen, wenn etwas kaputt geht ist eventuell die Freundschaft dahin - und das ist kein gespartes Geld der Welt wert.

Wer noch mehr Lesen will: hier noch ein Beitrag zum Thema von Digital Sirocco.


Samstag, 5. Juli 2014

Fame - Premiere auf der Felsenbühne Rathen

Kann man die Straßen der Bronx in einer Felsenlandschaft nachbauen ? Man kann.

Die Landesbühnen Sachsen, haben auf der Felsenbühne die Musical-Fassung des 1980er, mit einem Oscar für den Besten Song gekrönten Films „Fame“ auf die Bühne gebracht.

Das Theater, dass sich sonst eher in Landschaftskulissen, Sommernachtsräume oder den Wilden  Westen verwandelt, ist auch für den  Asphalt-Dschungel von New York geeignet.  Auf das Bespielen der Naturkulisse wurde erstmals verzichtet, man  entwarf eine klassische Theaterkulisse, die auch auf jede Indoor-Bühne passen würde, die in Ihren Ausmaßen jedoch mindestens der Semperoper entsprechen müssten.

Die ca. 15 Sprechrollen wurden ergänzt von einem Heer von „Statisten“. Der Chor der Landesbühnen hätte wahrscheinlich altersmäßig nicht ganz ins Stück gepasst, also hat man sich Studierende der Theaterakadamie Sachsen zur Verstärkung geholt und auch das Tanzcompagnie der Landesbühnen  hat sich nahtlos integriert. Die verschiedenen Ausbildungen wurden nur bei den Tanzeinlagen deutlich.  Die Ballettkompanie, die sonst eher das klassische Repertoire bedient, hatte sichtlich Spaß an kraftvoller Dynamik, bei der es weder auf übertriebenen künstlerischen Ausdruck á la Gred Palucca, noch auf perfekte Synchronität ankommt, nur auf die Ausstrahlung von Lebensfreude.


Der Humor reicht im Stil in etwa von Atze Schröder bis Wolfgang Stumph.  Seichte Gags, die auch dann funktionieren, wenn man den Rest des Stückes nicht gesehen hat; aber für einige Lacher sorgten.  Das Publikum war sicherlich 30 Jahre jünger, als sonst in der Felsenbühne üblich.  Für Kinder ab 14 ist das Stück gut geeignet, auf expliziten Street-Slang, Flüche, Drogen und sexuelle Anspielungen sollte man jedoch gefasst sein.  Gesprochen wird in Deutsch, gesungen in Englisch, aber fehlende Englisch-Kenntnisse sind kein Handicap für das Verständnis des Stücks.


Handlung ? Gibt es eigentlich keine. Und das ist vielleicht das Angenehme an dem Stück. Es wird der Alltag in einer Schule für Tanz, Schauspiel und Musik dargestellt. Keine künstlichen Spannungsbögen, keine romantische Liebesschnulze, die in einer Hochzeit endet; Es gibt gar keine Hauptrollen. Natürlich werden ein paar kleine Geschichten erzählt, die das Stück zusammenhalten. Sie wirken aber eher wie ein verwobener Episodenfilm. Junge Künstler mit Träumen, die sich mal realisieren und mal platzen. Sprachprobleme von Einwanderern, Drogen, Söhnchen aus reichem Haus, Schwule und Latinocasanovas – von allen Facetten der Großstadt ist etwas dabei.  Lehrer, die auch mal mehr vorhatten, als Lehrer zu werden und graue Eminenzen, die niemand mehr in Frage stellt und mit Ihrer Lebensweisheit hausieren gehen.

Die Musik bleibt sich selbst treu, ob man es nun Pop-Rock-Jazz oder Swing nennen will, soll jeder selbst entscheiden. Das Saxophon spielt eine wichtige Rolle. Die Musik ist ausgewogen zwischen Balladen, Rockhymnen und Pop-Songs. Ihr Anspruch besteht darin, gut zu unterhalten.

Angenehm ist, dass die ca. 10-Mann Band für den Zuschauer ständig sichtbar ist, sie spielt auf der seitlichen Hinterbühne und ist nicht in den Graben, oder gar einen Nebenraum verbannt, wie anderenorts üblich. Die neue Aktionskunstanlage der Felsenbühne ist gut abgestimmt und die Bäume vermeiden unangenehme Echos in dem engen Talkessel. Die Sänger tragen Micropods (aufgeklebte Mikrophone) damit sie auch in den letzten Reihen gut verstanden werden. Das hat leider wie immer den Nachteil, dass der Ton nicht dorther kommt wo gesprochen wird, sondern aus dem Lautsprecher. Wenn mehrere Akteure auf der Bühne stehen, muss man manchmal suchen, wer den Mund bewegt, um zu wissen wer spricht; aber das gibt sich wenn man sich daran gewöhnt hat, wer mit welchem Akzent oder welcher Stimmlage spricht.
Die Band spielt "öffentlich"

Ein im Ganzen gelungener Abend, fast 3 Stunden lang. Viel Premierenstimmung kam nicht auf, außer das am Ende ein paar Menschen auf der Bühne standen, die sonst nicht auf der Bühne stehen, wahrscheinlich Regisseur, Bühnenbildner und Schneider – vorgestellt wurden sie nicht; war die Premiere eine ganz normale Vorstellung. Viele Lichteffekte kommen wohl nur in der 20 Uhr Vorstellung zur Geltung, wenn es zumindest nach der Pause schon dunkel ist, aber sicherlich lohnen sich die 17 Uhr-Vorstellungen genauso.

Die S-Bahn nach Rathen verkehrt während dieser Spielzeit  nur stündlich, aber die letzte Bahn nach Dresden fährt erst um 0.25 Uhr, so dass man auch noch sicher nach Hause kommt, wenn die Vorstellung erst um 23:00 endet. Die meisten Gäste kommen jedoch mit dem Auto.

Fazit: Eine klare Empfehlung, eine junge, frische Inszenierung mit swingig-poppiger Musik.


Applaus, Applaus, Applaus (Zitat: Kermit)

Da muss man hinauf



Freitag, 30. Mai 2014

Metro-Rabattaktionen, eine Herausforderung

Wer Metro-Märkte nicht kennt, Metro ist zwar als Großhandel deklariert, ist aber ein relativ normaler großer Supermarkt. Das Warenangebot entspricht weitgehend dem von „Real“. Es gibt nur eine Einlasskontrolle, weil der Markt ehemals das Ladenschlussgesetz umgehen musste und nur an Gewerbetreibende verkaufen darf.

Jeder Kunde ist namentlich bekannt und hat eine Kundenkarte. Eine Auswertung der Einkaufsgewohnheiten wäre leicht möglich, wird aber nicht gemacht. Es gibt ganz normale, nicht personalisierte Werbeflyer per individueller Postsendung zugestellt, also deutlich kostenintensiver als die Beilagen von Aldi, Lidl und Kaufland in den kostenlosen Zeitungen, aber auch deutlich gezielter, denn die Prospekte erreichen nur diejenigen, die auch wirklich Kunden sind.

Datenschützer warnen oft davor, dass mit Kundenkarten Profile erstellt werden, die das Einkaufsverhalten analysieren. Metro ist der Beweis, dass die Händler kein Interesse daran haben. Vielleicht ist es zu aufwändig, vielleicht bringt es zu wenig Nutzen. Ich erhalte jedenfalls genauso Werbung für Damenhygieneartikel, Windeln oder Hundefutter, obwohl ich derartige Artikel in den letzten 10 Jahren nicht einmal gekauft habe. So intelligent wie Google will Metro nicht sein.

Neben den normalen wöchentlichen Aktionspreisen, gibt es immer noch Sonderaktionen.
In einem Monat soll man seinen üblichen Monatseinkauf möglichst auf 3 Einkäufe verteilen und für 3*50€ einkaufen, um einmalig einen 50€ Gutschein zu erhalten.

Es kostet ein wenig mehr Benzin und Zeit, aber 50€ mit einer Stunde Zusatzaufwand verdienen, läßt man sich nicht entgehen. Statt alles zu kaufen was man braucht, bemüht man sich seinen Warenkorb nur mit Artikeln für 50€ zu beladen. Das schafft man natürlich nie, wer kann schon so gut Kopfrechnen, sicherheitshalber nimmt man etwas mehr und schon zahlt man 80€.

Aus den erwarteten 33% Rabatt (50€ Erstattung bei 150€ Einkauf) wird also selten etwas, ich bin bei meinen 3 Einkäufen bei etwas 250€ gelandet, dafür eine 50€ Gutschein zu bekommen, sind immernoch lohnenswerte 20%.
Statt die 250€ bei einem Einkauf auszugeben, mußte ich dafür 3mal hinfahren.

Im nächsten Monat, soll man möglichst gleich einen 3-Monatsvorrrat kaufen, für einen 500€-Einkauf gibt es einen 100€ Gutschein. Also umlernen. Da braucht man eine Einkaufsliste und kann nicht mehr so spontan kaufen was man denkt, was man so braucht, und wiederkommen wenn man etwas vergessen hat. Metro will nicht das ich wiederkomme, sondern dass ich alles auf einmal kaufe. OK.


5kg Kaffee, 12 Flaschen Wein, 10 Liter Milch, eine Spirituose, 2 Kästen Bier der Jahresvorrat an Blumendünger: Geranien, Palmen, Rosen; Waschmittel und Geschirrspülmittel, Studentenfutter, 4 Stück Butter und ein großes Stück Parmesan, ein paar Steaks die 4 Wochen halten, vielleicht noch ein paar Schuhe oder neue Bettwäsche, mal wieder eine LED-Birne und noch ein Liter gutes Olivenöl. Es erfordert eine ziemliche Planung, wenn man unbedingt am Stück für 500€ einkaufen soll.

Ich kaufe für keinen Cent mehr ein, als ich sonst einkaufe, durch diese Aktionen werden nur die Einkaufsintervalle beeinflußt. Bestenfalls werde ich davon abgehalten, in anderen Supermärkten einzukaufen.

Nebenbei kann man noch Prämien-Punkte sammeln, um ein paar Töpfe und Pfannen billiger zu bekommen.

An einem Wochenende gibt es „Auf 3 Artikel je 20%“. Aber mich nun auch noch auf den Tag festlegen zu lassen, wann ich einkaufen soll und mich ausgerechnet am Wochenende durch volle Regalreihen schieben, das mache ich nicht mit. Für Kaffeemaschinen, Staubsauger oder eine neue Bohrmaschine, lohnt sich das manchmal, aber ich habe mir abgewöhnt Dinge zu kaufen, nur weil ich 20% Rabatt darauf bekomme. Man lernt dazu und gerade für die teureren Artikel findet man im Internet immer Händler, die die Metro-Preise um 10% unterbieten. Bei den kleineren Artikeln wie Wein oder Blumendünger wird das wegen des hohen Gewichtes bei kleinen Margen schon schwieriger.


Das merkwürdige ist, all diese Werbeaktionen sind miteinander kombinierbar, ich kann mit dem gleichen 80 € Einkauf, meinen 50€-Mindesteinkauf abrechnen, es kann darunter ein rabattierter 20% Artikel sein, und Prämienpunkte bekommt man auch noch. Diese Häufung von parallelen Aktionen findet man bei anderen Händlern eher nicht.

Das Preisgefüge kommt durcheinander, man weiß nicht mehr wirklich was die Dinge kosten. Es stehen zwar 10€ am Regal, aber mit dem einen Coupon zahlt man an der Kasse nur 8€, mit dem andern Coupon bekommt man nach 2 Monaten 2€ zurück. Wieviel hat man denn nun eigentlich für die Waren bezahlt? Werden vielleicht während solcher Rabatt-Aktionen die Preise erhöht, bevor es Rabatte gibt? Man setzt sich einem ziemlichen Stress aus und je mehr man nachdenkt, desto unsicherer wird man, ob sich denn der Stress überhaupt lohnt, oder ob man nur an der Nase herumgeführt wird. Man muss höllisch aufpassen, nicht in jede gestellte Falle zu tappen.

Was kommt dabei heraus? 
Ohne Marketing-Sonder-Aktion gehe ich überhaupt nicht mehr zu Metro.

Praktiker - auch eine ehemalige Metro Tochter - hat das mit seinen „20% auf alles“ genauso gemacht, und war nach 2 Jahren Pleite.


Ein entspanntes Einkaufen, vielleicht sogar Spaß beim Stöbern, kommt nicht auf, wenn man ständig im Kopf oder gar per Taschenrechner versucht, eine Mindestmenge zu erreichen, aber nicht zu sehr zu überschreiten. Jede Preissenkung wird zum Ärgernis, wenn man ein Produkt vor 2 Wochen gekauft hat und man nachträglich erfährt, daß es jetzt im gleichen Laden weniger kostet. Es wäre mir deutlich lieber, wenn ein Artikel dauerhaft 10€ kostet, anstatt "normalerweise" 12€ und in Sonderaktionen mal 9€.


Mittwoch, 19. Februar 2014

Hotelfrühstück, weniger Service als beim Bäcker

Die Hotels gehen mehr und mehr dazu über Zimmer ohne Frühstück anzubieten, teils um die Preise geringer aussehen zu lassen, teils weil Sie gesetzlich gezwungen werden die Frühstückspreise getrennt auszuweisen, denn Frühstück unterliegt 19% MWst, das Hotelzimmer nur 7%.

Daraufhin wählen viele Gäste das Zimmer ohne Frühstück. Das Angebot der Hotels ist sowieso nichtssagend und dient nicht als Abgrenzung von der Konkurrenz. In allen Hotels das gleiche Einerlei, manchmal bestellt man bei einem Kellner den Kaffee, manchmal darf man ihn sich selbst abholen, an irgendeiner Station simmert seit 2 Stunden ein Rührei auf der Warmhalteplatte und in einer weiteren Ecke kann man sich mit Brötchen aus einem Korb bedienen.

Das Komfort-Verwöhn Frühstück, würde doch schon darin bestehen, dass der Gast ein fertiges Brötchen bekommt, in das er nur noch reinbeißen muss, mit Salatgarnitur, vielleicht einer Tomaten- oder Gurkenscheibe, einer Sandwichcreme mit feiner Senfnote und einer Scheibe Wurst.

Wohin muss man gehen um so etwas zu bekommen? Zum Bäcker an der Ecke. Dort kostet das große belegte Brötchen mit Kaffee und Sitzgelegenheit vielleicht 5€. Warum sollte dann jemand für 15€ im Hotel ein Buffet buchen, wenn er dort dasselbe bekommt, wie jeden Tag zu Hause und alles selbst zusammenbauen muss. Das Hotel übernimmt nur den Einkauf, den Abwasch und räumt vielleicht noch den Tisch ab.

Auch die Variante von Frühstücksrestaurants findet sich in Hotels selten. Man hat eine Speisekarte, sucht sich ein Menü aus, Zwei Brötchen + Rührei oder den Müsli-Joghurt-Obst-Starter, was dann frisch zubereitet und an den Platz gebracht wird. Wer will schon während des Frühstücks 4mal aufstehen und sich diverse Sachen aus allen Ecken des Raumes zusammensuchen. Solche Frühstücksangebote gibt es mit „Kaffee so viel sie wollen“ oft im 7-9€ Bereich, dagegen beginnen Hotelfrühstücks selten unter 10€. Man darf so viel teurer sein, wie man besser ist, aber das man besser ist, muss man auch zeigen – nicht im Restaurant, sondern bei der Zimmerbuchung wird das Frühstück verkauft! Die Hotels machen jedoch eher mit Bildern vom Design der Rezeptionstresen und Seminarräumen Werbung. Kaum ein Hotel wirbt mit der Qualität des Frühstücks. 

Bezeichnungen wie „reichhaltig“ müssen meist ausreichen, so als wolle man Gourmonts ansprechen und nicht Gourmets. In der Abendkarte haben die meisten Hotels andere Ansprüche an Ihre Gäste. Als Folge boomt die Frühstücks-Industrie außerhalb von Hotels in den deutschen Innenstädten.